Wenn wir selbst mitten in der Trauer stehen - Gedanken aus der Begleitung
Als Regenbogenrednerin und Trauerbegleiterin begleite ich Menschen durch Abschiede, Verluste und Übergänge. Ich halte Räume für Erinnerungen, für Tränen, für Dankbarkeit – und für all das, was zwischen Anfang und Ende eines Lebens liegt.
Doch was geschieht, wenn wir selbst als Begleiterinnen plötzlich mitten im eigenen Trauerprozess stehen?
Diese Frage bewegt mich in letzter Zeit besonders. Nicht nur beruflich, sondern auch ganz persönlich. Und doch geht es dabei um etwas, das viele Menschen betrifft: Wie begleiten wir eigentlich unsere eigene Trauer?
Wenn das Eigene plötzlich berührt wird
Wer beruflich mit Abschied, Krankheit oder Tod zu tun hat, kennt viele Wege durch die Trauer. Wir kennen Rituale, Worte und Möglichkeiten der Unterstützung. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – ist es etwas ganz anderes, wenn das eigene Leben davon berührt wird.
Trauer im eigenen Umfeld hat viele Gesichter. Manchmal kommt sie leise, manchmal in Wellen. Manchmal ist sie erschöpfend, manchmal klar und präsent. Wenn ein geliebter Mensch sich verändert – etwa durch eine Erkrankung, die das Wesen, die Erinnerung oder die Orientierung beeinflusst – beginnt oft eine besondere Form des Abschieds: ein Abschied in kleinen Schritten. Einer, der keinen klaren Anfang und kein eindeutiges Ende hat.
Trauer geschieht nicht allein
In solchen Zeiten wird besonders deutlich: Trauer geschieht selten allein. Sie bewegt nicht nur uns selbst, sondern auch die Menschen um uns herum. Es sind Geschwister, Kinder, Partnerinnen und Partner, Freundinnen, Kolleginnen oder auch Menschen aus unterstützenden Berufen.
Jede Person erlebt diese Zeit auf ihre eigene Weise. Manche möchten sprechen, andere ziehen sich zurück. Manche suchen Halt in Struktur, andere brauchen Raum für ihre Gefühle. Und all das darf gleichzeitig da sein.
Wer begleitet die Begleiterinnen?
Eine der wichtigsten Fragen in solchen Momenten ist vielleicht: Wer begleitet eigentlich die Begleiterinnen?
Unterstützung kann ganz unterschiedlich aussehen. Gespräche mit vertrauten Menschen, der Austausch mit Kolleginnen, professionelle Begleitung, stille Momente der Reflexion oder auch spirituelle und kreative Zugänge können helfen, das Erlebte ein wenig zu ordnen.
Es braucht nicht immer große Lösungen. Oft sind es kleine Begegnungen oder ehrliche Gespräche, die tragen.
Kleine Rituale als Anker im Alltag
In meiner Arbeit spielen Rituale eine wichtige Rolle. Sie geben Halt, Struktur und Bedeutung – und auch im eigenen Leben können sie uns unterstützen.
Dabei müssen sie nicht groß oder aufwendig sein. Oft sind es gerade die kleinen, wiederkehrenden Gesten, die uns durch schwierige Zeiten tragen.
Manchmal reicht es, eine Kerze anzuzünden und für einen Moment still zu werden.
Gedanken aufzuschreiben, die vielleicht keinen Platz im Alltag finden.
Einen vertrauten Ort aufzusuchen, der Ruhe schenkt.
Oder einfach bewusst innezuhalten und den eigenen Atem wahrzunehmen.
Auch kleine Rituale wie ein Spaziergang in der Natur, das bewusste Trinken einer Tasse Tee oder das Hören eines bestimmten Liedes können zu Ankern werden – zu Momenten, in denen wir uns selbst wieder begegnen.
Rituale helfen uns, Gefühle zuzulassen, ohne sie erklären zu müssen.
Sie geben uns die Möglichkeit, Trauer einen Raum zu geben, ohne dass sie uns vollständig überwältigt.
Sie erinnern uns daran, dass wir nicht funktionieren müssen.
Sondern fühlen dürfen.
Und manchmal entsteht genau in diesen stillen Momenten etwas Neues:
ein wenig Klarheit, ein Hauch von Ruhe oder einfach das Gefühl, für einen Augenblick getragen zu sein.
Was uns trägt
Wenn wir mit Krankheit, Veränderung oder Abschied konfrontiert sind, tauchen oft viele Fragen auf: Wie gehe ich mit der Veränderung eines geliebten Menschen um? Was löst diese Situation in mir aus? Wo spüre ich Überforderung – und wo vielleicht auch Dankbarkeit? Welche Erinnerungen tragen mich?
Diese Fragen haben selten schnelle Antworten. Und vielleicht ist genau das entscheidend: Trauer braucht keine fertigen Lösungen. Sie braucht Zeit, Raum und manchmal einfach ein Gegenüber.
Meine Arbeit zeigt mir immer wieder, dass Begleitung keine Einbahnstraße ist. Menschen, die wir begleiten, berühren auch uns. Geschichten verändern uns. Und eigene Erfahrungen können den Blick auf das, was andere durchleben, vertiefen.
Vielleicht liegt genau darin eine besondere Kraft: dass wir einander auf unterschiedlichen Wegen unterstützen können. Mal tragen wir, mal werden wir getragen. Und beides gehört zum Menschsein.
Ein stiller Abschluss
Trauer ist kein gerader Weg. Sie ist ein Prozess, der sich verändert, der sich bewegt und uns manchmal an Orte führt, die wir nicht erwartet haben. Doch wir müssen ihn nicht allein gehen.
Wenn wir beginnen, auch unsere eigene Trauer achtsam wahrzunehmen, kann daraus etwas entstehen, das über den Schmerz hinausweist: Verbundenheit – mit uns selbst, mit anderen Menschen und mit all den Geschichten, die unser Leben prägen.
Am Morgen beginne ich meinen Tag ganz bewusst mit kleinen Ritualen. Noch im Bett spreche ich ein Dankbarkeitsgebet. Ich zünde eine Kerze an und stelle ein Stövchen mit Kräutern auf. Ich ziehe eine Karte für den Tagesimpuls und schreibe in mein Tagebuch „Jeder Tag ein Neubeginn“. Danach genieße ich meinen Kaffee und nehme mir Zeit für sanfte Körperübungen.
Vielleicht ist auch für dich etwas dabei.
Danke, dass du dir Zeit genommen hast, meine Worte zu lesen. Mögen sie dir Kraft und Zuversicht auf deinem Weg schenken.
Herzensgrüße
Anita
